Ferdinand Kramer im DAM

 
Ferdinand Kramers Bauwerke im DAM
Ein Vorbericht von Stefan Röttele
Foto (c) Kulturexpress, Meldung: Presseinfo der Stadt Frankfurt am Main (pia)
Umstrittenes Ferdinand Kramer Gebäude, das eingerüstete Philosophicum, in der Gräfstraße von der Bockenheimer Warte aus am 17. August 2015 fotografiert.
Ferdinand Kramer, dem Baumeister des Universitätscampus in Bockenheim, wird eine späte Würdigung zuteil. Mit dem Deutschen Architekturmuseum widmet sich erstmals eine Frankfurter Einrichtung seinem Schaffen als Architekt. In seiner Heimatstadt Frankfurt sind Kramer und seine Bauten 30 Jahre nach seinem Tod wieder sehr aktuell.
 
Die alte Uni-Mensa in Bockenheim wird derzeit für mehrere hundert Flüchtlinge hergerichtet. Ferdinand Kramer, der Architekt des Gebäudes, hätte sich über diese Nutzung gefreut, sind Philipp Sturm und Peter Körner sicher. Die beiden Kuratoren bereiten für das Deutsche Architekturmuseum (DAM) gerade eine Werkschau des Frankfurter Universitätsbaumeisters vor. Es ist die erste über seine Architektur, die in seiner Heimatstadt selbst entsteht. „Kramer war ein sozialer Mensch“, sagt Sturm. „Und er hat Häuser gebaut, die vor allem anpassungsfähig sein sollten. Anpassungsfähig an die Ansprüche, die die Menschen an sie stellten.“
 
Wie mit dem Erbe umgehen?
 Der Architekt (1898-1985), der wegen seiner geraden Linien und dem schmucklosen Design der funktionalistischen Moderne zugerechnet wird, ist derzeit wieder sehr aktuell. Seit dem inzwischen fast abgeschlossenen Umzug der Goethe-Universität auf den neuen Campus im Westend gibt es in der Stadt eine Diskussion darüber, wie mit seinem Erbe umzugehen ist. Das Kulturcampus-Projekt auf dem alten Gelände ist eines der prestigeträchtigsten Bauvorhaben der Stadt. Noch ist nicht bis ins letzte Detail ausgemacht, welche Kramer-Bauten einen Platz darin haben werden. Einige bleiben erhalten, viele sind bereits verschwunden, auf andere wartet die Abrissbirne.
 
 Keine Vollmacht für den Abriss
Den von Ferdinand Kramer überlieferten und von seinen Gegnern gerne aufgegriffenen Satz, er baue nur für einen Zeitraum von 30 Jahren, interpretieren die Kuratoren heute nicht als Blanko-Vollmacht für den Abriss. „Seine Bauten waren ihm wichtig“, sagt Philipp Sturm, der glaubt, dass der Satz anders gemeint war. „Vielleicht sah er in ihnen ein Provisorium. Ihm war bewusst, dass es sich um Nutzbauten handelte und dass spätere Generationen vielleicht ganz andere Anforderungen daran stellen würden. Entsprechend variabel baute er.“ Im Philosophicum, das derzeit von einem Privatinvestor zum Studentenwohnheim umgestaltet wird, und auch im Pharmazeutikum sei es zum Beispiel möglich gewesen, auf manchen Stockwerken sämtliche Wände herauszunehmen und die Größe der Räume so beliebig zu verändern.
 
Design für das Neue Frankfurt
 Aber noch etwas macht den umstrittenen Architekten heute wieder aktuell: Frankfurt wächst sehr stark. Es herrscht Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Kramer war in den 1920er-Jahren Mitglied des Teams um Ernst May, der als Stadtbaurat das Ziel verfolgte, günstige Wohnungen für tausende in ärmlichen Verhältnissen lebende Arbeiter zu schaffen. Kramer war damals für das Design der Inneneinrichtung dieser Wohnungen und Häuser zuständig. Das Projekt namens „Neues Frankfurt“ erzielte wegen seines sozialen Anspruchs damals europaweit Aufmerksamkeit, und ein wenig davon strahlte auch auf Kramer ab. Das Museum für Angewandte Kunst hat diesen Aspekt von Kramers Schaffen, dem Design, im vergangenen Jahr mit der Ausstellung „Das Prinzip Kramer“ gewürdigt.
 
 Auch in den 1920ern baute Kramer Häuser, erklärt Philipp Sturm. Die Laubenganghäuser in der Siedlung Westhausen, die Schuhmaschinenfabrik am Güterplatz, das Haus Erlenbach in der Hans-Sachs-Straße, das mit seinem Flachdach für die damalige Zeit eine Provokation gewesen sei. Zwischenzeitlich wurde sogar Kramers Baugenehmigung gestoppt, weil die Nachbarn ästhetische Bedenken geltend machten. Eine Kritik, die bis heute anhält, so Körner. „Man wirft Kramer immer wieder vor, seine Häuser seien zu funktional, wenig lebens- und arbeitswert.“
 
Sozial denkend aber nicht revolutionär
„Er war nie politisch engagiert, aber ganz sicher ein sozial denkender Charakter“, glaubt Sturm. „Er war eng befreundet mit Max Horkheimer, dem Rektor der Universität, der Kramer zurück nach Frankfurt holte. Das Institut für Sozialforschung, dem auch Theodor W. Adorno angehörte, war damals geschlossen nach New York ins Exil gegangen, und Kramer kannte die Protagonisten zum Teil noch aus Zeiten vor dem Krieg.“ Deren Rückkehr nach Frankfurt war an sich schon eine politische Handlung. Neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Holocaust und deutschem Kulturbruch sollte dann auch das Bauen den demokratischen Neuanfang nach außen demonstrieren.
 
 Kramer sei aber auch kein Revolutionär gewesen. „Er war immer misstrauisch und ängstlich, dass sich Strukturen und Hierarchien ändern könnten. Vermutlich auch wegen der Erfahrung des Exils.“ Die Nationalsozialisten hatten Kramer zwingen wollen, seine erste Ehefrau, eine Jüdin, zu verlassen. Als er sich weigerte, wurde ein Berufsverbot gegen ihn verhängt, woraufhin er 1938 in die USA emigrierte. Es habe ihn zwar gestört, dass so viele Akteure der Nazi-Zeit auch in der jungen Bundesrepublik an den Schaltstellen saßen. Dennoch stieß ihn die aufkommende 68er-Bewegung wegen ihrer Schrillheit und ihrer Unordnung ab. Es gibt die Anekdote, wonach Kramer, der Ordnungsfanatiker gewesen sein soll, als Rentner über den Campus gegangen ist, um dort leise Flüche ausstoßend wild aufgehängte Plakate von seinen Gebäuden zu entfernen.
 
Drei Schaffensphasen und einige Neuentdeckungen
 Die neue DAM-Ausstellung konzentriert sich auf Kramers Bauwerke. Peter Körner: „Wir zeigen gleichberechtigt nebeneinander die drei Schaffensphasen: Die 1920er- und 1930er-Jahre, das Exil in den USA, wo er kaum Fuß fassen konnte, und die 1950er-Jahre als Baumeister von 23 Universitätsgebäuden.“ Bei ihren Recherchen haben die Ausstellungsmacher auch einige Entdeckungen gemacht: ein bereits 1926 erbautes Gästehaus der Frankfurter Universität im Kleinwalsertal, das wohl ursprünglich für Studienfahrten errichtet worden war; das Juridicum auf dem Uni-Campus, das bisher Kramers Nachfolger zugeschrieben wurde; die Vorlesungsgebäude der Sportuniversität.
 
Spagat zwischen damals und heute
 Die Kuratoren zwingen den Betrachter in der Ausstellung zu einem Spagat zwischen einer Zeit, in der Kramers Bauten hochmodern waren, und dem oft tristen Heute. „Natürlich werden die Gebäude nicht gerade ansehnlicher, wenn sie über Jahre nicht genutzt werden“, sagt Körner. Ein Teil der alten Geografie an der Senckenberganlage wurde zugunsten einer Erweiterung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) abgerissen. An der Stelle des Instituts für Kernphysik entstehen Wohnungen. Die Kuratoren sind hin- und hergerissen und auch ein bisschen ratlos. „Nicht jeder Kramerbau ist von gleicher Qualität. Wie soll man die Gebäude nach dem Umzug der Uni denn auch nutzen?“, fragt Körner. Und: „Je länger sie leer stehen, desto unwirtschaftlicher wird es, sie zu revitalisieren.“ Andererseits gebe es auch Beispiele, wie man behutsam mit diesem Architekten und seinem Erbe umgehen könne. Die Umgestaltung des alten Instituts für Pharmazie zum Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrum für Senckenberg sei ein schönes Beispiel.
 
Körner ist fasziniert von Kramer. „Er hat ein wahnsinnig großes Werk hinterlassen. Viele Leute schimpfen über diesen Architekten, aber ich finde, man muss ihn in den Kontext setzen. Er hat fast immer mit begrenzten Mitteln gebaut.“ Und wenn Kramer doch mal mehr Budget hatte? Ja, er habe auch für Industrielle gebaut. Der Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Karl Gerold, habe sich im Tessin von ihm ein Haus bauen lassen. Wirklich pompös habe aber auch das nicht ausgesehen. „Auch hier dominierten gerade Linien, eine starke Ausrichtung auf das Funktionale. Man kann schon sagen: das Repräsentative lag ihm nicht.“
 
„Linie, Form, Funktion, Die Bauten von Ferdinand Kramer“ – Ausstellung im Deutschen Architektur-Museum vom 28. November 2015 bis 1. Mai 2016. Eröffnung: Freitag, 27. November, 19 Uhr
 
 
 
Last modified on Samstag, 24 September 2016 18:59
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