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Michel Foucault oder die Heterotopie (2026) von Christopher Dell im transcript Verlag

Michel Foucault oder die Heterotopie
Reihe: Raumdenken heute
Autor: Christopher Dell
transcript Verlag, Bielefeld
1. Auflage, 2026
264 Seiten, zahlreiche Abb.
ISBN 978-3-8376-7769-0 
e-Book (PDF)
erschienen 12/2025
ISBN 978-3-8394-0731-8
Die vorliegende Publikation nutzt die Theorien des französischen Philosophen Michel Foucault als Referenzraum. In diesem Zusammenhang gilt Foucaults weitreichende theoretische Arbeit zu werten insbesondere in Bezug auf drei begriffliche Bereiche, die von Interesse sind: Erstens die Heterotopie und ihre Ortlogik, zweitens die Regierungstechniken von Gouvernementalität und Biomacht sowie drittens die Frage nach der Ordnung des Verhältnisses zwischen Darstellungen, Räumen und Räumen der Darstellung.https://vg08.met.vgwort.de/na/6529797d8b41424bb44b287bc1574199  
 
Das Buch zielt darauf ab, die Foucaultschen Begriffe auf ihre Anwendung in Hinblick auf die Raumwissenschaften zu untersuchen. Christopher Dell möchte bestimmen, in welchem Umfang raumwissenschaftliche Analysen der gegenwärtigen Stadt anhand von Foucaults Raumkonzeption und seinem Verständnis von Raum als relationalem Feld von Lagebeziehungen konzeptionell gestaltet und erweitert werden können.
 
 
Mit der Reihe „Raumdenken heute“ aus dem transcript Verlag sollen aktuelle Ansätze zum Nachdenken über die Stadt der Gegenwart erschlossen werden. Sie setzt dabei auf einen pluralistischen Ansatz. 
 
Eine Ästhetik des Städtebaus ist nicht allein auf das Schöne der Stadt gerichtet, sie hat auch mit Politik zu tun. Denn Städtebau kann nicht neutral sein, sondern städtische Bebauung hat immer eine konkrete Wirkmacht, die sie für sich repräsentiert. Diese Wirkmacht des Gebauten dient dazu die Körper der Gesellschaft raumpolitisch zu ordnen. Dementsprechend kann eine Ästhetik niemals neutral sein. Vielmehr ist sie durch ihren Erkenntnisraum wirksam. Sie produziert die Objekte des Wissens. Das meint, dass Ästhetik mit ihren Darstellungsräumen reguliert, was zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten Sichtbarkeit erfahren soll, welchen Akteuren und Dingen Sichtbarkeit zugesprochen wird und damit auch, welchen Aussagen im politischen Konflikt Gehör und Wahrheit geschenkt wird. Innerhalb dieses Bereichs treten Architektur und Städtebau als räumliche Regulierungspraktiken auf, deren Darstellung nicht nur einer bestimmten Ästhetik folgt, sondern sie zugleich auch herstellt. 
 
Worin diese räumlichen Regulierungspraktiken von Architektur und Städtebau bestehen, ist das Betreiben und Verwalten einer Lagerung der verstädterten Welt. Man hat es hier in Bezug auf Francois Dragonet (1977) mit einer „Wissenschaft des Lagerns" zu tun. Womit die Topologie der Orte und der Tätigkeiten gemeint ist, die sich zur Stadt vereinigen. Das Kernmerkmal des Verlagerns von Stadt liegt in der Macht des Verortens. Christopher Dell (2025) bezeichnet dieses Phänomen als „Topomacht" , was aus einem Ensemble politischer‚ kultureller und ökonomischer Kräfte besteht, die städtischen Raum normalisieren, indem sie ihn mit Grenzziehungen durchschneiden. Doch diese Teilung der Stadt in verschiedene Bereiche kann niemals auf Dauer gelten, schließlich gilt immer noch die Devise „Stadtluft macht frei". Mit anderen Worten, es wird notwendig sein, die Stadt lesbar zu machen. Die Lesbarkeit ist eine Forderung, die seit dem 19. Jahrhundert aufkam, nachdem sich verstärkt Migrationbewegungen auf die Städte zu bewegten und Stadtbilder durch lange Fluchten und Achsenbildung organisierte Straßenzüge veränderten. Hinter den Grenzziehungen steht die Bedeutung der Parzellierung des städtischen Territoriums vor allem zu Zeiten großer Epidemien. Hinsichtlich des Regierens ist Parzellierung, weil sie erlaubt, ein Territorium in Raumpartikel zu gliedern und zu regulieren. Parzellen sind somit städtische Ein- oder Ausschließungsmilieus. Schon in diesem Zusammenhang finden Haussmanns Achsenziehungen in Paris des 19. Jahrhunderts Erwähnung. 
 
Der Berliner Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné (1789–1866) prägte Berlin und Potsdam nachhaltig mit seiner Gartenkunst. Lenné nahm die Rolle des Gartendirektors ein und wurde später General-Director der königlich-preußischen Gärten. Er wollte die Stadt Berlin und Potsdam in eine einheitliche Parklandschaft umgestalten. Er verwandelte den Großen Tiergarten, kreierte die Sichtachsen im Park von Schloss Glienicke und hatte Einfluss auf die Gestaltung der Pfaueninsel und des Parks Sanssouci. Die Wirksamkeit einer Stadt nach einem organisierten Fluchtlinienplan, wie er im Bebauungsplan nach James Hobrecht (1825 -1902) vorgesehen war, erreichte Lenné mit seinem Gestaltungswillen für die Umgebung Berlins nicht ohne weiteres. Erst der 1862 in Kraft getretene Hobrecht-Plan legte als Fluchtlinienplan die Anordnung von Ring- und Ausfallstraßen sowie die Bebauung in den Städten Berlin und Charlottenburg und in weiteren umliegenden Gemeinden fest. Meiner Ansicht bewegt sich auch Frankfurt am Main in diese Richtung. Ein Ansatz bildet das innerstädtisch gelegene Europa Viertel und seiner nach ihr benannten Allee, die bestimmt auch nach städtebaulichem Vorbild in Berlin entworfen wurde, um dem sonst eher verwinkelten Aussehen im Stadtbild ein neues großstädtisches Gepräge durch weiträumige Achsenbildung aufzuerlegen.  
 
Foucaults Thesen zur Gouvernementalität basieren auf dem Beispiel der Stadt. Foucault lässt jedoch die Untersuchung der Rolle aus, die die Stadt selbst im Bereich des Regierens spielt. Raumtheoretisch wurde oftmals nicht beachtet, dass Foucaults Seminare zur Gouvernementalität die Stadt selbst als konkreten Ausgangspunkt haben. Die von Foucault beschriebenen Praktiken und die politische Auseinandersetzung zwischen gewaltsamen Unterwerfungen und Selbsttechniken artikulieren sich in der Stadt. Stadt als alltägliche Ebene der Regulation belegt, dass raumpolitische Fragestellungen mit der Gouvernementalität berührt werden. Die Stadt fungiert als dynamisches Bindeglied zwischen der Bewahrung und der Umklammerung von Praktiken. Sie gestaltet in verschiedener Weise die Form des Regierens, also die Gouvernementalität.
 
Bei der Einmischung der Biomacht auf raumpolitischer Ebene in die Lebensweisen der Bevölkerung ist zu beachten, dass Gouvernementalität die Subjekte ständig mit Grenzziehungen konfrontiert, die sich bis ins Stadtinnere hinein verlagern. Das, was gegenwärtig als Vermischung und Überlagerung von Leben, Arbeiten und Wohnen formuliert wird, umfasst also einen Wandel in der Regierungstechnik und Organisation von direkter Kontrolle hin zu indirekter Steuerung. Diese Veränderung beruht auf Rekonturierungen der politischen Praktiken, die den sozialen Raum auf Arbeitskooperationen beschränken und die emanzipatorische Figur der „Präsenz des Anderen“ in eine subtile Form persönlicher Abhängigkeit verschieben. 
 
Biomacht bezeichnet zunächst einen spezifischen, historisch bedingten Modus der Herrschaft über Körper in Bezug auf ein Gebiet. Foucault zufolge taucht im 18. Jahrhundert eine neue Regierungsstrategie auf, die dadurch gekennzeichnet ist, dass das Recht auf die Fürsorge für das Leben ausgerichtet wird. Das bedeutet, das Leben (bios) im Hinblick auf Wert und Nutzen zu strukturieren. Der politische Raum und die Stadt strukturieren sich zunehmend um die Arbeit herum als Ausdruck individueller Leistungsbereitschaft. Die Stadt ist der Motor und dient der Intensivierung aller Bereiche des bios.
 
Heterotopien sind Orte, die sich deutlich von ihrer Umgebung abgrenzen, sei es durch ihre Funktion wie Schule, Museum oder Park oder durch ihre Atmosphäre, wie zum Beispiel Stadtviertel oder ein Campus. Nach Michel Foucault sind Heterotopien im Städtebau „andere Orte“, die sich von der normalen städtischen Umgebung abheben und sie reflektieren, spiegeln oder in Frage stellen. Christopher Dell stellt fest, das bei Foucault der Begriff der Heterotopie unterschiedlich in den Texten aufgefasst ist. Während er in „Andere Räume" (1967) Heterotopie konkret im städtischen Raum verortet, geschieht dies in "Die Ordnung der Dinge" (1966), indem er den Begriff als Repräsentationsraum auffasst, also den Raum, in dem man Wissen vorstellt oder ihn zur Darstellung bringt. Repräsentationsräume sind Räume des Wissens, das bedeutet, sie sind zugleich Räume des sich Ordnens. Dell verweist darauf, die Rückkehr der Stadt in der Neuzeit habe besondere historische Bedeutung gehabt. Das weist auf die Frage des Raumdenkens hin. Foucault erarbeitet diese Frage zum ersten Mal mit seinem Text „Andere Räume". Der Text begründet Foucaults Raumtheorie und markiert den Beginn seiner Auseinandersetzung mit sozialen Räumen. 
 
Es gibt Orte mit heterotopischen Qualitäten, was jedoch nicht viel über deren genaue Funktionsweise aussagt. In den Bereichen Architektur und Städtebau wird der Begriff der Funktion als eine Nutzung verstanden, die durch einen Entwurf klar definiert und geplant ist und die mit der städtebaulichen Nutzungsverordnung übereinstimmen muss. Funktionsbereiche wie Wohnen, Gewerbe, Verkehr und Freizeit strukturieren die moderne Stadt.
 
Die Frage, die in der Regel nicht gestellt wird, lautet, ob das, was funktional entworfen wird, tatsächlich auch so funktioniert. Seit den 1980er Jahren wird in der Raumtheorie diskutiert, wie die Stadt funktioniert und was deren Nutznießer tatsächlich tun. Inwieweit das, was funktional entworfen wird, tatsächlich so funktioniert, ist eine Frage, die normalerweise nicht gestellt wird. Insbesondere Michel de Certeaus Werk „Kunst des Handelns“ (1980) behandelt die Thematik des Umfunktionierens und demonstriert, dass Stadtbewohner oft abweichend von den Planungen der Stadtplaner agieren. Foucault führt mit der Heterotopie die Thematik ein, dass an einem bestimmten Ort das Funktionieren variieren kann. Es sind die Praktiken, die einen Ort zum Funktionieren bringen. Je nachdem, in welcher Beziehung ein Ort zueinandersteht und welchen gesellschaftlichen Konstruktionen er unterliegt, bringt er unterschiedliche Praktiken hervor. R.M.
 
Christopher Dell (Prof. Dr. habil.) ist Professor für Architekturtheorie an der Bergen School of Architecture. Er lehrte zudem als Professor für Städtebautheorie an der HafenCity Universität Hamburg, der Technischen Universität München sowie an der Universität der Künste Berlin. Er ist Leiter des ifit (Institut für Improvisationstechnologie) in Berlin.
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